10.07.2016

Was ist eine gute Schule?

Teil 2|3

Welche Vorstellungen von einer „guten Schule“ verbindet ein Schulleiter mit diesem Begriff? 

Ich habe darüber mit Eric Flury, dem Schulleiter der Schulkooperative Biel, ein Gespräch geführt. Dabei hat er folgende Aspekte besonders hervorgehoben:

* In der Schweiz hat die Staatsschule für das Zusammenleben und den Zusammenhalt der Menschen in der Schweiz einen sehr grossen Stellenwert. In allen Sprachregionen wirkt sie integrierend und bringt unseren Willen zur Einheit bei gleichzeitiger Vielfalt zum Ausdruck. Die Staatsschule wird von der Gesellschaft bewusst getragen und gefördert, weil uns Schweizern sowohl eine gute Ausbildung als auch die prägende Kraft der Schule für den Zusammenhalt in der Gesellschaft sehr wichtig sind.

* Die Haltung der Eltern zur Schule spielt eine wichtige Rolle. Während etwa noch im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Lehrpersonen von Eltern und Schülern als Autoritäten geachtet wurden, stellen heute Eltern vermehrt verschiedene Forderungen an die Schule. Es kann z. T. eine Entfremdung der Eltern von der Schule beobachtet werden. Eltern fordern Mitsprache, ohne aber immer bereit zu sein, Mitverantwortung für die Erziehung und Bildung ihrer Kinder zu übernehmen. Aber einer guten Schule gelingt es, das Vertrauen der Eltern zu gewinnen, so dass sie ihren Teil zum Gelingen guter Bildung beitragen. Vielleicht könnten vermehrt auch Senioren in der Schule mitwirken und den Schülern ein Gefühl der Kontinuität des Schullebens, vielleicht auch etwas mehr Ruhe und Gelassenheit vermitteln.

* In einer guten Schule werden wesentliche Lebensfragen angesprochen und auf allen Altersstufen entsprechend der Reife der Schüler zur Sprache gebracht. So etwa die Fragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wozu lebe ich? Was heisst „erwachsen werden“? Kann ich einen Beitrag leisten in unserer heutigen Welt? Welchen? Durch welchen Beruf? So hilft eine gute Schule den Schülern, sich im Kontext der Zeitgeschichte zu sehen und zu verstehen. Sie erkennen und verstehen die Werte der westlichen Zivilisation, welche in der jüdisch-christlichen Kultur und Denkweise verwurzelt ist. Ihnen wird bewusst, dass z.B. die Menschenrechte und die Bedeutung der Bildung daraus hervorgegangen sind.

* Im heutigen Verständnis von Zusammenarbeit an einer guten Schule sehen sich Lehrpersonen als ergänzend. Kein Lehrer schafft alles alleine. So pflegen heutige Lehrer den Austausch und den Dialog innerhalb der Schule und auch mit Lehrpersonen anderer Schulen. Die ganze Schule versteht sich als eine lernende Organisation.

* An einer guten Schule werden Schüler zur Selbständigkeit, zu selbständigem Denken und Handeln und zur Verantwortung angeleitet. Es wird ihnen im Laufe ihrer Zeit an einer Schule bewusst, was ihnen die Schule bietet und bedeutet. Sie identifizieren sich mit „ihrer“ Schule. 

 

Margrit Baumann, Mitglied des Vorstands der Schulkooperative, Juli 2016